r1
Die letzten 120 Kilometer – Von Sarria nach Santiago de Compostelal.
3. Oktober 2019, Tag der deutschen Einheit. Für uns der Start als „Pilger-Einheit“ zur letzten Etappe nach Santiago de Compostela. Es war ein Frühstart um 4.30 Uhr in Xanten per Bus, der noch in Menzelen und Rheinberg hielt, um schließlich 15 Pilger-Lustige zum Flughafen nach Düsseldorf zu bringen. Drei „Neue“ waren dabei, was vielleicht zunächst ein wenig Skepsis auslöste, da die meisten anderen bereits seit zwei Jahren immer wieder ein Stück des Jakobswegs gemeinsam gelaufen waren. 12 von uns hatten sich also schon aufeinander eingegroovt. Aber, um das schon mal vorwegzunehmen, die „Neuen“ waren sofort integriert und wir alle waren uns stets eine Bereicherung.
Am Flughafen in Düsseldorf waren wir glücklich, als wir endlich alle Sicherheitskontrollen hinter uns gebracht hatten. Unsere Jakobsmuscheln hielten die Beamten nämlich nicht davon ab, uns genau unter die Lupe zu nehmen: der Verdacht der Mitführung von Sprengstoff und ähnlich gefährlichen Dingen bestätigte sich dann aber doch nicht ;-)
Unser Unternehmen fing also schon gut an. Die Maschine nach Madrid startete dann auch erst 25 Minuten später als geplant. Kein Problem, wir landeten trotzdem pünktlich, um anschließend in den Flieger nach Santiago de Compostela zu steigen. Hier angekommen fuhren wir eine gefühlte Ewigkeit mit dem Bus nach Sarria, dem Startpunkt unserer Pilgerreise. Oh je, diesen Weg komplett laufen bei lädierten Füßen, Knien und weiteren Wehwehchen? Wie sollte das nur gelingen?
Endlich waren wir an der Pension Cristal angekommen. Gott sei Dank: auch alle unsere Koffer waren da. Aber dann gab es doch ein Problem. Zunächst war es sehr fraglich, ob es in der Pension überhaupt freie Betten für uns gab!!! Nach langem Hin und Her fanden wir dort alle eine Bleibe, wenn auch fünf Personen unserer Gruppe in ein nahe gelegenes Appartement ziehen mussten, wo leider nur kaltes Wasser aus dem Hahn floss.
Bald darauf erkundeten wir die Altstadt von Sarria und freuten uns dann auf unser gemeinsames Abendessen in der Unterkunft.
Der erste Tag war gut überstanden und alle waren gespannt, wie es wohl am nächsten Tag weiter gehen würde.
4. Oktober, von Sarria nach Portomarin
Bei Nieselregen begaben wir uns auf unsere erste längere Wegstrecke von ca. 21 km. Eigentlich wollten wir zu Beginn dieser Etappe unsere Pilgerpässe in Sarrias Kirche stempeln lassen. Aber nix da. Entweder nahm die Küsterin es nicht so genau mit der Pünktlichkeit oder aber sie wollte uns heimzahlen, dass wir am Vorabend in der Kirche laut geredet haben. Irgendwann entschieden wir uns, ohne diesen Stempel loszulaufen. Schon bald geriet dieser in Vergessenheit, da wir alle voller Euphorie losliefen und gespannt auf das warteten, was uns wohl erwartete. Die Natur ließ nichts aus:  Berge, Täler, Wiesen, Wälder, Schluchten und ein Stausee.
Große verrostete Buchstaben verrieten uns, dass wir den Ort Portomarin erreicht hatten.
5. Oktober, von Portomarin nach Os Valos
Auch heute waren für die Strecke gut 20 km angekündigt. Die Kilometerzahl war grundsätzlich ein guter Anhaltspunkt, um rechtzeitig nach der gebuchten Unterkunft Ausschau zu halten. Eigentlich. Aber eben nicht, wenn man zu Hosteria Calixtino nach Os Valos möchte. Da ist alles ausgeschildert, aber kein Hosterie Calixtino und kein Os Valos. Da läuft man dann auch schon mal ein paar Kilometer weiter dran vorbei und irgendwann wieder zurück, zumindest einige von uns. Am späten Nachmittag waren dann 14 von uns am Zielort eingetroffen. Nummer 15 fehlte allerdings auch noch, als die Abenddämmerung einzusetzen drohte. Das machte uns dann doch nervös, weil Nummer 15 auf dem Handy nicht erreichbar war und sich auch nicht meldete. Der Chef der Unterkunft war so nett und fuhr mit Theo ein Stück des Weges ab, die Polizei wurde informiert etc. Der Schreck fand jedoch bald ein Ende: Nummer 15 war noch weiter als die anderen zu weit gelaufen und kam per Taxi wohlbehalten bei uns an. So konnten wir alle den restlichen Tag die schönste Unterkunft der gesamten Reise genießen. Vielleicht ist sie ein Geheimtipp und deshalb so schwer zu finden…
6. bis 10. Oktober, von Os Valos über Melide, über Arzua, über O Pedrouzo, über Lavacolla nach Santiago de Compostela
Unsere Reise setzte sich fort durch Eukalyptuswälder, verlassene Dörfer, idyllischer Landschaft und stand bis zuletzt unter einem besonderen Segen. Wie durch ein Wunder verschwanden einige körperliche Beschwerden wie von selbst. Niemand zog sich die so gefürchteten Blasen an den Füßen zu, keiner erlitt Verletzungen oder erkrankte auf dem Weg. Unsere Einheit blieb eine Einheit: kein Zickenalarm, keine bösen Worte. Nicht selbstverständlich, sondern eher etwas ganz Besonderes, wenn man bedenkt, dass wir 10 Tage zusammen verbracht haben.
Am 10. Oktober erreichten wir Santiago de Copostela. Die imposante Kathedrale und das Treiben auf dem großen Vorplatz sind unbeschreiblich. Umso schöner, dass wir uns an diesem Ort noch einen weiteren Tag aufhalten durften. Da die Kathedrale gerade renoviert wurde, haben wir die Pilgermesse in einer anderen Kirche gefeiert. Die Kathedrale und das dazugehörige Museum konnten wir uns allerdings aufgrund der gebuchten Führung in aller Ruhe ansehen.
11. Oktober, Finisterre, das „Ende der Welt“
Heute ging es mit dem Bus entlang der Atlantikküste zum „Ende der Welt“, dem inoffiziellen Ende des Jakobswegs, denn weiter geht es nicht mehr. Sehr sehens- und erlebenswert, wenn man bei den vielen Touristen ein ruhiges Plätzchen gefunden hat.
12.Oktober, zurück nach Hause
Was bleibt noch zu erzählen von dieser besonderen Zeit? Bestimmt eine ganze Menge. Wahrscheinlich kann jeder Einzelne von uns ein ganzes Buch füllen mit seinen Gedanken, Begegnungen, Erfahrungen und Erkenntnissen. Und jedes Buch wäre einzigartig, weil jeder von uns alles mit seinen individuellen Augen gesehen hat, beruhend auf seine Erfahrungen und mit seinen Wünschen und Hoffnungen.
Deswegen ist es unmöglich, die Eindrücke dieser letzten 120 Kilometer nach Santiago de Compostela zum Ausdruck zu bringen. Wir alle, fünf Männer und zehn Frauen, habe eine wunderschöne Zeit erlebt, die sich für jeden von uns anders dargestellt hat. Wir alle nehmen anders wahr, weil wir mit einer anderen Vergangenheit und einer noch anderen Gegenwart leben. Wir sehen mit anderen Augen, aber sicherlich mit gleichermaßen sehnsuchtsvollen Herzen.
Was brauchen wir? Was streichelt unsere Seele? Sind es die warmen Sonnenstrahlen, die Steine am Wegesrand, die sanfte Brise, das saftige Grün, die freilaufenden Tiere, die Begegnungen mit den Menschen, die strahlenden Augen unseres Gegenübers, die Aufmerksamkeit meines Gegenübers, die warme, zärtliche Hand?

Wonach sehnen wir uns? Ist das für jeden gleichermaßen zu beantworten?
Welche Erkenntnisse hat uns diese Pilgerreise gebracht? Vielleicht einfach mehr leben. Die bedeutungslosen Dinge sein lassen. Erkennen, was wirklich von Bedeutung ist.

Das Zitat von Guy de Maupassant hat sich jedenfalls immer wieder bestätigt:
Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die das Leben lebenswert machen. Die junge Frau mit dem 10-jährigen Hund, denen wir immer wieder begegneten, die Niederländerinnen, die Spanier, die Engländer, die Amerikaner und all die Menschen, deren Nation nicht unmittelbar erkennbar war. Nicht zuletzt aber die Begegnungen mit den anderen „unserer Einheit“, die oft ein Gefühl der Verbundenheit, der Wärme, der Geborgenheit, der Sicherheit und der Zufriedenheit vermittelten.
Für mich brauchte es Zeit, wieder zu Hause anzukommen, denn ich wollte die soeben erfahrene heile Welt so gerne erhalten. Bei der Ankunft stellte ich fest, dass ich nicht nur nichts vermisst hatte, sondern dass ich mir 10 Tage lang tatsächlich um nichts Sorgen gemacht hatte.
Auch Wochen nach der Rückkehr unserer besonderen Reise, ist bei mir auf jeden Fall nichts mehr wie es war. Die Natur habe ich in den letzten Jahren immer mehr zu lieben gelernt. Jetzt ist es wie eine Sucht, eine Sehnsucht, die Natur ständig zu erfahren. Ich möchte immer weiter laufen und freue mich über jede neue Entdeckung.
Allen Mitpilgern ganz lieben Dank für diese besondere Erfahrung! Ich freue mich auf weitere Begegnungen und Wege mit Euch!
Allen Lesern, die noch nicht gepilgert sind: macht Euch auf, es lohnt sich!
Gitte Klostermann      04.11.2019  
Hier dazu einige Bilder
 
leer_01
leer_02
leer_03
leer_04
er
Kolpingsfamilie Xanten      seit 1878